UNHEIMLICHE ENTHÜLLUNGEN

über den

HÄRTESTEN ROMAN ALLER ZEITEN


Mächtige Hammerschläge rissen mich aus dem Schlaf. Es klang, als versuchte ein Irrer die Außenfassade des Hauses einzuschlagen. Ich richtete mich auf und steckte mir eine an. Bleiche Mondstrahlen fielen an der entgegengesetzten Seite meines Schlafzimmers durch das halb geöffnete Fenster. Gedämpfte Stimmen drangen herein, wispernd und keuchend, und immer wieder diese Schläge. Sie näherten sich dem Fenster. Irgendetwas versuchte heraufzukommen. Zu mir. In die erste Etage.

Ich schob die Frauenkörper beiseite, ermahnte die Damen Ruhe zu bewahren, und rollte mich aus dem Bett. Auf dem Weg zum Fenster kam ich an einer Flasche Bourbon vorbei. Ein wohlwollender Zufall, den ich nutzte, mich mit einem kräftigen Schluck zu stärken.

Die Schläge waren bereits knapp unterm Fensterbrett zu hören und auch die Stimmen klangen deutlicher, wenngleich ich kein Wort verstand.


„Ist da jemand?“, fragte eine Frauenstimme aus dem Bett, das nun einige Meter hinter mir lag.

„Keine Sorge“, gab ich beruhigend zurück. „Nur der Schornsteinfeger.“

Ich öffnete das Fenster und spähte hinaus. Es war nicht der Schornsteinfeger. Es war eine Karawane. Direkt unter dem Fenstersims hingen zwei abenteuerliche Typen mit Tropenhelmen und futuristisch anmutenden Nachtsichtbrillen. Sie arbeiteten sich mit Spitzhacken nach oben und waren durch Seile an Haken gesichert, die sie ins Mauerwerk gehämmert hatten. Ihnen folgte ein ganzer Tross Kofferträger, Beduinen, Kamele, Tänzerinnen, pinguinartige Taucher mit riesigen Schwanzflossen und andere, undefinierbare Kreaturen. Weiter hinten vier oder fünf große Segelschiffe mit Piratenflaggen, umschwärmt von merkwürdigen Nachtvögeln und ganz am Schluss eine riesenhafte goldene Pyramide auf Rädern.

Die Karawane hatte eine stattliche Schneise durch die gegenüberliegenden Häuserblocks getrieben. Etliche Beduinen in leuchtenden Gewändern leiteten den nächtlichen Straßenverkehr um. Alles war in dieses unwirkliche, fade Mondlicht gehüllt und jetzt nahm ich auch die fremdartige Musik wahr, die vom Wind herübergetragen wurde, und nach der die Tänzerinnen räkelnd und springend mit wilden, orientalischen Tüchern und Stoffen herumwirbelten. Würzige und feurige Gerüche spielten in der Luft und machten Appetit auf Döner mit viel Peperoni.


Wer auch immer diese nächtlichen Besucher waren, sie brachten Speis’ und Trank und Weiber mit. Ein sympathischer Einstieg. Doch was wollten sie ausgerechnet bei mir? Handelte es sich vielleicht um eine Delegation des Kultusministeriums, die geschickt worden war, weil man nun doch den pädagogischen Wert meines Werks erkannt hatte? Das erklärte zumindest das kulinarische und weibliche Aufgebot. Mit größtanzunehmender Sicherheit plagte sie ein schlechtes Gewissen und sie hatten zu meiner Entschädigung tief in die Tasche gegriffen. Diese Vermutung schien mir zumindest recht wahrscheinlich.

Anderseits sahen die zwei Typen, die vornweg kletterten, nicht wie Vertreter des Kultusministeriums aus. Es waren ihre Tropenhelme, die mich misstrauisch machten. Tropenhelme werden bekanntlich in den Tropen getragen, und nicht im Kultusministerium. Bei aller Neugier, ich musste vorsichtig sein. Ich beschloss, mir mein Misstrauen nicht anmerken zu lassen, und sie so in Sicherheit zu wiegen. Diese Taktik schien mir am effizientesten, ihre wahren Beweggründe zu erfahren.


„N’ Abend“, sagte ich und beugte mich aus dem Fenster. „Zigarillo?“ Ich hielt ihnen die Schachtel hin.

„Oh, nein danke“, antwortete der Linke. Er trug einen Schnauzbart, dessen Enden kompliziert ineinander gezwirbelt waren. „Was zu ficken wäre mir jetzt lieber.“

„Ja. Was zu ficken“, wiederholte der Rechte und nickte zustimmend.

„Mal halblang“, sagte ich. „Das ist hier kein Puff. Das ist eine Privatwohnung.“

Wäre es der Schornsteinfeger gewesen, hätte ich womöglich anders reagiert. Aber Schornsteinfeger bringen bekanntlich Glück. Bei diesen zwei schrägen Vögeln jedoch, mit ihren fragwürdigen Tropenhelmen, war ich mir nicht so sicher. Woher sollte ich wissen, ob sie überhaupt fegen konnten.

Die beiden sahen einander verdutzt an.

„Ach“, sagte der Gezwirbelte. „Sind Sie nicht Henry Schädelbach?“

„Doch, der bin ich“, erwiderte ich. „Was soll der ganze Rummel vor meinem Fenster?“

„Angenehm.“ Sein Gesicht hellte sich auf. Er ignorierte meine Frage und streckte mir die Hand entgegen. „Mein Name ist Tjorbeck Weckensy. Ich bin Leiter dieser Expedition und das hier ist mein erster Steuermann Sir ... äh ... Steuermann ... äh, ja ... mein erster Steuermann.“


Sir Steuermann hielt mir ebenfalls die Hand hin. Ich gratulierte den beiden und lud sie ein hereinzukommen. Egal, wer sie waren oder was sie wollten, hier weiter am Fenster rumzutratschen wäre, bei all dem Chaos, das ihre Karawane da draußen anrichtete, nicht sehr klug gewesen. So was lockt nur Zeugen Jehovas mit ihren nervigen Weltuntergangsheftchen an und ehe du dich versiehst, wimmelt es nur so von Endzeitpredigern, Typen von der Regenbogenpresse, Schlagersängern, Modedesignern, Touristen, Schaffnern und wenn’s ganz dumm läuft, erscheint auch noch der Bohlen und sucht den Endzeit-Superstar. Dann lieber Besuch vom Kultusministerium.


Es dauerte eine knappe Stunde, bis sie alle drin waren, doch schließlich war auch das letzte Kamel durchs Fenster geklettert. Sie passten nicht alle ins Schlafzimmer und so verteilte sich der Trupp in meiner Wohnung. Es war ein ziemliches Durcheinander. Angetrunkene Beduinen hielten Kamelrennen im Flur ab, Tänzerinnen mischten sich gemeinsam mit Kofferträgern und Tauchern unter die Mädels in meinem Bett, irgendein Mullah eröffnete einen Waffelstand vor meinem Schreibtisch, merkwürdige Prozessionen wandelten singend durch Küche und Bad, ständig kreuzten diese Segelschiffe durch meine Bude und da, wo einmal mein Wohnzimmer gewesen war, ragte nun die goldene Pyramide in einen Nachthimmel voll fremdartiger Sternbilder, umgeben von palmenbewachsenen Oasen und schillernden Jahrmärkten.


„Okay“, sagte ich nachdem ich das Fenster geschlossen hatte, damit sich nicht doch noch irgendwelche Zeugen Jehovas hineinschlichen, um mit ihren Heftchen im Flur Unruhe zu verbreiten. „Jetzt raus mit der Sprache: Was wollt ihr zwei Komiker von mir?“

Tjorbeck Weckensy räusperte sich, zupfte seinen Kragen zurecht und sagte: „Wissen Sie, Herr Schädelbach, es ist so.“

„Ja“, ergänzte Sir Steuermann, „so ist es.“

„Eben.“

„Jepp. Eben.“

Sir Steuermann kramte einen tellergroßen Kompass aus der Innentasche seiner verschlissenen Jacke. Das Ding besaß mindestens dreißig Himmelsrichtungen, die von mindestens fünfzehn Zeigern angezeigt wurden. Er hielt mir das Teil unter die Nase, als würde es in irgendeiner Weise meine Frage beantworten.

„Und deswegen“, fuhr Weckensy fort.

„Eben. Deswegen“, echote Sir Steuermann.

Ich steckte mir eine an.

„Um auf den Punkt zu kommen“, schloss Weckensy. „Meine, also unsere Expedition“, er deutete auf Sir Steuermann, „ist seit ungefähr eintausend Jahren auf der Suche nach dem härtesten Roman aller Zeiten.“

„Eintausendzweihundertundsechundfünfzigeinhalb in etwa“, präzisierte Sir Steuermann.


Was hatte das Ganze mit mir zu tun? Wären sie nun auf der Suche nach dem emanzipiertesten oder dem pädagogischsten Roman aller Zeiten gewesen, hätten wir gern ins Gespräch kommen können. Aber der härteste Roman aller Zeiten? Was sollte das sein? Einer, der in Granit gemeißelt war? Oder aus Stahl gegossen? Was bedeutete das: der Härteste? Allmählich begann ich an der geistigen Zurechnungsfähigkeit meiner Besucher zu zweifeln. Vielleicht hätten sie doch einfach nur ein bisschen ficken sollen und dann wieder verschwinden. Der härteste Roman aller Zeiten – was für ein hirnverbrannter Blödsinn!


„Hab ich nicht.“ Ich genehmigte mir einen Schluck Bourbon.

„Nicht?“, rief Weckensy.

„Nicht?“, rief Sir Steuermann.

„Uiuiuiuiuiuiuiuiuiui“, riefen beide und wedelten jeweils mit ihrer rechten Hand, als hätten sie sich die Finger verbrannt. Ihre Gesichter wirkten urplötzlich auffallend blass. Ich handelte nach allem, was mir an medizinischem Wissen bekannt war und reichte ihnen den Bourbon.

„Aber Sie haben doch einen Roman geschrieben?“, fragte Weckensy und ließ sich den Whiskey in den Hals laufen.

„Das schon. Aber er geht eher in die feministische Richtung und genügt hohen pädagogischen Ansprüchen“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Vielleicht dürfte ich einen Blick darauf werfen?“ Verlegen trat Weckensy von einem Fuß auf den anderen. Hinter ihm schipperte eins der Segelschiffe am Waffelstand vorbei. Die bleichen Knochen der skelettierten, Rum saufenden Mannschaft glommen unheilvoll im bläulichen Widerschein mystischer Wüstenmonde.

„Nur zu.“ Ich spazierte zum Schreibtisch und holte ein frisch ausgedrucktes Exemplar meines Manuskripts aus der Ablage. Hastig riss er es mir aus den Händen, blätterte wahllos in den Seiten, las, schnaufte, las, schnaufte. Nachdem er genug gelesen und geschnauft hatte, blickte er mich ernst an.

„Das ist es!“, rief er aus. „Das muss es sein!“

Dann, mit einem Blick zu Sir Steuermann: „Wir müssen es prüfen lassen.“

„Wie bitte?“ Ich kannte diese Prüfungen. Sie endeten grundsätzlich mit verstörten Prüfern, die sich zutiefst empört auf Nimmerwiedersehen verabschiedeten. Mit anderen Worten: Eine Prüfung kam mir, wenn ich mich hier mittlerweile so umschaute, nicht ungelegen.


Zwei Minuten später hatte sich die Karawane in Reih und Glied zu einer langen Reihe aufgestellt, vorne weg die beiden Expeditionsleiter, die das Manuskript in rotes Samttuch eingeschlagen vor sich hertrugen. Fanfaren erklangen. Der Zug setzte sich in Bewegung und marschierte auf die goldene Pyramide in meinem ehemaligen Wohnzimmer zu.

In diesem Moment erschallte dumpfes Brüllen aus meinem Badezimmer, genau genommen, wie ich durch einen raschen Blick feststellte, aus meinem Klo. Der Deckel zitterte, klapperte, sprang in zwei Teile, heißer Dampf zischte aus den Tiefen des Aborts, gefolgt von einem wahren Flammensturm, der die Borsten meiner Zahnbürste welken ließ. Ähnliches hatte ich bereits nach einer Portion meines berühmten Chili con Carne á la Schädelbach erlebt. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich aus Gründen der Pietät nicht weiter ausführen möchte.

Eine riesige Höllenbestie quetschte sich durch die Kloschüssel. Stählerne Klauen schlugen Splitter und Brocken aus den Terrakottafliesen als die Pranken wuchtig aufsetzten. Von den schwarzen Schuppen des muskelbepackten Körpers stiegen satanische Gerüche auf, die man allenfalls in den Slipeinlagen geschlechtskranker Hausfrauen mit abgebrochenem Theologiestudium findet und das weit aufgerissenen Maul spie pechschwarzen Brodem, der mir wie unheilvoller Todesnebel entgegenwallte.

Mit einem Satz, der die Badezimmertür aus den Angeln fegte und Teile des Mauerwerks heraussprengte, hechtete das Monstrum über mich hinweg, mitten in die Karawane, und verschlang mit einem einzigen Bissen seines gigantischen Mauls zehn oder zwölf ausgewachsene Kamele. Panik brach aus. Kofferträger warfen ihre Gepäckstücke fort, Tänzerinnen kreischten und die Segelschiffe kollidierten kopflos ineinander, bei dem Versuch, sich und ihre Kanonen in Abwehrstellung zu bringen.


„Schnell! Das Manuskript!“ Es war die glockenhelle Stimme einer Frau. Ich stürmte vor. Die Pyramide hatte ihre Pforten geöffnet. Eine engelsgleiche Priesterin in all ihrer weiblichen Nacktheit war hervorgetreten und rief durch ein Megaphon: „Schnell! Schnell! Das Manuskript! Beeilt euch!“ Hinter ihr tanzte ein Pulk Cheerleader mit bunten Bommeln an den Nippeln. Wie wild wedelten sie mit ihren Pompons und machten Spagat und den ganzen Kram, den Frauen so machen, wenn sie nicht gerade kichernd und quietschend durch Schuhgeschäfte hüpfen.

Mit langen Schritten stürmte ich an der chaotischen Karawane vorbei.

„Waffeln! Leckere Waffeln!“, schallte es aus dem Waffelstand.

Ich kaufte zwei Stück mit heißen Kirschen und Sahne, steckte mir eine an und eilte weiter. Keine hundert Meter vor der Pyramide sah ich die beiden Expeditionsleiter am Boden liegen. Nach den Dellen in ihren Tropenhelmen zu urteilen, waren sie in ihrer Hektik mit den Köpfen aneinander gerannt und nun bewusstlos. Neben ihnen das Manuskript, am Fuße einer Dattelpalme.

Hinter mir hörte ich die Kanonenschläge der Schiffe. Ich wirbelte herum und wurde Zeuge, wie die massiven Eisenkugeln an den Schuppen der Höllenbestie zerbarsten wie gläserne Christbaumkugeln. Keine Chance das Ungetüm aufzuhalten. In wenigen Augenblicken würde es sich durchgekämpft haben.


Ich sprintete los, riss dass Manuskript vom Boden weg, genau eine Sekunde, bevor es unter dem Panikschiss eines durchgegangenen Kamels verschwunden wäre, und hechtete die Stufen der Pyramide hinauf, in der Linken das scheinbar ausgesprochen wertvolle Schriftstück, in der Rechten meine frisch duftenden Waffeln. Die Cheerleader jubelten.

„Schnell, gib es mir!“, rief die Priesterin.

Ich pappte ihr die sahnedekorierten Waffeln vor die Brüste.

„Nicht, bevor ich dir die Sahne von den Titten geleckt habe.“ Ein Mann muss wissen wann er einen Trumpf in der Hand hält und Titten mit Sahne ist ein Genuss, den man sich bei passender Gelegenheit unter keinen Umständen entgehen lassen sollte.

Sie sah es ein, wurde geil, und ich besorgte es ihr mit einem kurzen aber heftigen Mitternachtsfick. Manchmal, wenn es an Zeit mangelt, muss man dieses Manko eben durch Qualität wett machen.


Nachdem ich sie durchgekachelt hatte, steckte ich mir eine an und wir traten in das Innere der Pyramide. Krachend fielen die Pforten hinter uns ins Schloss. Der Lärm der Schlacht drang nur noch als leises, unstetes Rauschen durchs Gemäuer.

Ich ließ ihr den Vortritt. Ihr nackter Arsch wogte vor mir her und erzählte mir in der ureigenen Körpersprache weiblicher Ärsche, was er wollte. Was er brauchte. Es waren Geschichten voller Leidenschaft und Dreck und Härte und ich lauschte ihnen mit Genuss, während mein Riemen sich mit roher Gewalt an die Innenseite meiner Jeans presste.

Unser Weg führte durch enge, verwinkelte Gänge, über Hängebrücken, die Schluchten überquerten, deren Tiefe in den Ohren dröhnte, vorbei an riesigen, ehrwürdigen Statuen längst vergangener Götter und endete in einer dekadent geschmückten Halle. Überall prangte es vor Gold, Juwelen und Geschmeide und in der Mitte der Halle stand ein einzelner, einsamer Eimer. Ein Putzeimer aus Blech, mit einem Henkel aus Blech.

Ehrfurcht sprach aus der Haltung der Priesterin. Jede Faser ihres Körpers schien in heiliges Gebet versunken zu sein. Selbst die Fasern ihres eben noch so geschwätzigen Arsches. Auf ausgestreckten Händen hielt sie das Manuskript in die Höhe.


„Hier hinein muss ich es versenken“, sprach sie mit traumwandlerischer Stimme und schritt dem Eimer entgegen.

„Was denn? In diesen Kackeimer?“, fragte ich.

Dumpfes Grollen stieg aus dem Eimer hervor und der Boden der Halle erzitterte.

„Pssst.“ Die Priesterin warf mir einen energischen Blick zu und hielt den Zeigefinger vor ihre himmlischen Lippen. Scheinbar wollte sie mir ein Zeichen geben, dass sie etwas in den Mund brauchte.

„Das ist der Heilige Eimer der Weisheit“, raunte sie. „Du darfst ihn nicht beleidigen.“

„Sorry“, sagte ich. „Ich dachte nur, es wäre ein Kackeimer, weil er aussieht, wie ein Kackeimer.“

Wieder dieses dumpfe Grollen. Goldener Putz rieselte von der Decke. Die Priesterin verdrehte die Augen und stapfte so feste mit dem Fuß auf, dass ihr ein Schwall Sperma aus der Möse platschte.

Als ich ihr vorschlug, sie solle den Putzeimer mit Wasser füllen um die Pfütze wegzuwischen, loderten ihre Augen vor brennendem Zorn hell auf und sie scheuerte mir eine. Ihr Patschehändchen prallte wirkungslos an meiner stählernen Wange ab. Jaulend rieb sie sich die Hand.

„Soll ich pusten?“, fragte ich.

„Ach halt endlich dein dämliches Maul, du primitiver Vollaffe!“, keifte die Priesterin, wirbelte herum, marschierte zum Eimer und klatschte das Manuskript hinein.

„Sehr schön“, sagte ich. „Und jetzt? Kommt gleich die Müllabfuhr?“


Ihr Erregungszustand hatte einen Pegel erreicht, der deutlich anzeigte, dass sie es erneut brauchte. Und zwar dringend. Ich erkannte es an der Röte, die sich von ihrem Hals aus über das Dekolleté ausbreitete. Man nennt so was in psychologischen Fachkreisen die Auswirkungen einer verbalen Kunstform, die unter der Bezeichnung Dirty Talk Verwendung findet. Hierbei wirken sich Wörter, die in irgendeiner Weise mit Schmutz behaftet sind, positiv auf den sexuellen Erregungszustand aus. Probieren Sie es. Wenn Ihre Matratzengefährtin beim Poppen mal wieder den Eindruck macht, sie zähle die Fliegen an der Decke, rufen Sie einfach „Drecksau!“, „Kot!“ oder „Müllabfuhr!“ und Sie werden feststellen, dass die Süße mit ihrer Aufmerksamkeit plötzlich wieder ganz bei Ihnen ist.

Der Beweis für dieses komplexe Zusammenspiel zwischen Gehör und Gehirn stand gerade glühend vor mir. Doch ich hielt sie hin, denn zunächst würde ich an ihrem Benehmen arbeiten müssen. Erst wenn sie auf allen Vieren wie ein Kätzchen miaute und mit dem Arsch große runde Kreise in die Luft malte, würde ich mich – vielleicht – herablassen, sie heute ein zweites Mal zu nehmen.


Gerade wollte ich mit der Katzendressur beginnen, da erklangen dramatische Gesänge und Geigen und Trompeten und weiß der Henker, was für Instrumente und aus dem Eimer schoss eine schneeweiße Lichtsäule, von einer Reinheit, die ans Unendliche grenzte, und in dieser unendlich reinen Lichtsäule schwebte mein Manuskript Seite für Seite in die gewaltige, riesige Unbegreifbarkeit des Universums hinauf. Kerzengerade stiegen die Seiten auf, eine nach der anderen, jede ein Papier gewordenes Abbild meines brillanten Geistes.

Und eine Stimme wie Donnerhall übertönte die ergreifende Musik und sprach: „Wahrlich, Henry Schädelbach, dies ist der härteste Roman aller Zeiten, denn er vereint die essentiellen Urhärten zu einer einzigen Symphonie der Härte: Spannungs-Härte und Satiric-Härte, Übersinnlichkeits-Härte und Space-Härte, Splatter-Härte, Porno-Härte und Schrägheits-Härte, um nur die sieben Wichtigsten zu nennen. Darauf einen Bourbon. Prost!“


Kaum waren die Worte zuende gesprochen, da schwebte vor meinen Augen ein herrliches Glas Bourbon, pur und ohne Eis. Schnell griff ich zu, bevor es zu Boden fallen konnte und leerte es in einem Zug.

Noch während ich trank, spaltete sich die Pyramide in zwei Hälften, driftete wie von hydraulischen Kräften getrieben unter lautem Getöse auseinander und gab den Blick frei, auf das Schlachtgetümmel in meinem Wohnzimmer, derweil Blatt für Blatt die Seiten des härtesten Romans aller Zeiten gen Himmel schwebten, sich hoch oben mit einem kosmischen Planetensturm vereinigten, der in wilden Wirbeln um die gleißende Lichtachse rotierte, die aus dem Heiligen Kackeimer der Weisheit empor flutete.


Wie von einem lautlosen Sog erfasst, trieb die Priesterin der Lichtsäule entgegen, tauchte mit den Worten „Auf nimmer Wiedersehen, Cowboy!“ in das reine, weiße Leuchten und fuhr hinauf. Ebenso die Karawane, samt Kamelen, Segelschiffen, Beduinen, Tänzerinnen und allem. Das ganze Getümmel hatte sich vom Boden gelöst und schwebte in einer langen, spiralförmigen Reihe an mir vorbei, in das Licht und hoch in den Kosmos.

Zurück blieb die Höllenbestie, die meinem Klo entsprungen war. Von rasendem Wahnsinn gepackt krümmte sie sich heulend, brüllend und fauchend am Boden. Risse taten sich auf, Flammen schossen empor, hüllten die Höllenbestie ein, und dann wurde das Biest, als sei es auf unerklärliche Weise entmaterialisiert worden, in die Erde hineingesogen.


Tjorbeck Weckensy und Sir Steuermann winkten mir im vorbeisegeln zu.

„Was war das für eine Höllenbestie?“, rief ich und deutete auf die Stelle, wo das Vieh im Boden verschwunden war. Es hatte mir zum Andenken einen ziemlich zerfetzten, angekokelten Teppich hinterlassen.

„Och“, flötete Weckensy, „nur so ein ... Dings ... ein Dings, ja. Es hatte damals im Ural mit uns gewettet und wollte wohl verhindern, dass wir gewinnen. Aber nun haben wir ihn ja doch gefunden, den härtesten Roman aller Zeiten.“ Er lachte und sein Steuermann lachte mit ihm. Dann waren sie fort.


Ob sie einen guten Flug hatten? Ich bezweifelte es, bei der zickigen Priesterin, die sie im Gepäck führten. Aber die Erziehung von Madame Nacktarsch war nicht mehr mein Problem. Vielmehr würde ich prüfen müssen, ob es tatsächlich geheime Verbindungen zwischen meiner Kanalisation und dem Ural-Gebirge gab, um mich gegen weitere unangenehme Überraschungen zu wappnen. Gleich morgen würde ich nebenan im Future-Store einen Kanal-Navigator mit Ural-Modul besorgen, dazu eine Wochenration Blutwurst und Bourbon. Immerhin liegt das Ural-Gebirge nicht gleich um die Ecke. Vor mir lag eine Expedition ins Ungewisse, randvoll mit Untergrundnymphen, Stinkmutanten und jeder Menge Scheiße.

Ich trat ans Fenster, betrachtete die Schneise, die der Marsch der Karawane durch die Häuserblocks getrieben hatte, mit all dem Tohuwabohu und Verkehrschaos drum herum, und steckte mir eine an.

Dann ertönte eine Frauenstimme aus meinem Bett: „Der Schornsteinfeger war das?“



Der härteste Roman aller Zeiten:




Wer zum Teufel ist

HENRY SCHÄDELBACH


Autor Henry Schädelbach hat deutsch-afrikanische Wurzeln. Als er vor vielen Jahren in Südafrika das Licht der Welt erblickte, hat ein Medizinmann für ihn die Schicksalsknochen geworfen. Irgendwie muss ihm dabei einer dieser übersinnlichen Knochen auf den Kopf gescheppert sein. Anders lässt sich der Hardcore-Fiction-Wahnsinn, den er auf die Menschheit loslässt, nicht erklären.


Nach einer zweiten, nicht offiziell bestätigten Version, soll der übersinnliche Schicksalsknochen nicht auf den Schädel, sondern in den Schädel des Autors eingeschlagen sein, und noch heute wie ein versteinertes Relikt daraus hervorragen. Angeblich empfange Schädelbach mit Hilfe dieser übersinnlichen Knochenantenne (die er stets unter einem Hut verborgen hält, wie auf dem vom Verlag veröffentlichten Beweisfoto deutlich zu erkennen ist) perverse Einflüsterungen aus martialischen Jenseitsdimensionen, die in seinen Büchern auf groteske Art und Weise Gestalt annehmen.


Hier ist der Autor persönlich am Werk:

Henry Schädelbach Facebook: Adden


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